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Lesetipp: Sprachkurs Pferd

Pferdisch sprechen? Die Sprache der Pferde nicht nur verstehen, sondern ihnen antworten können? Das versprechen Sharon Wilsie und Gretchen Vogel in Sprachkurs Pferd - Pferdesprache lernen in 12 Schritten.

Pferdesprache
Yvonne und Rony-Pony können zumindest schon zusammen lachen.

Ob es sich zu lesen lohnt? Und ob Du danach in Pferdesprache kommunizieren kannst? Das erfährst Du jetzt:

Worum geht´s?

Auf 222 Seiten beschreiben Sharon Wilsie und Gretchen Vogel wie Du mit Pferden sprechen kannst. Die Autorinnen wollen die Grundlage der Kommunikation mit Pferden erklären und aufzeigen, wie die Körpersprache des Pferdes zu lesen und verstehen ist und wie Du als Mensch darauf reagieren kannst. Der *Sprachkurs Pferd verspricht, Dir die Pferdesprache zu lehren - in zwölf Schritten sollst Du mit den Ausführungen "pferdisch" lernen.

Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2018.
Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2018.

Der Kosmos-Verlag selbst erzeugt mit seiner Produktinformation denkbar hohe Erwartungen an das Werk:

"Endlich die Sprache der Pferde sprechen! Mit Sharon Wilsies bahnbrechender Methode wird dieser Wunsch vieler Reiter und Pferdehalter Wirklichkeit. [...] Denn nur durch wahren Dialog entsteht echte Freundschaft und ein vertrauensvolles Miteinander von Pferd und Mensch." (Produktbeschreibung Kosmos)

Was steckt drin?

Das *Buch besteht aus einer kurzen Einleitung zur Methode (7 Seiten) und zwölf Kapiteln, die jeweils einen Schritt des Sprachkurses darstellen. Die zwölf leichten Schritte werden aufgegliedert in:

  1. Schritt: Die Grundlagen erlernen
  2. Schritt: Den Gesichtsausdruck beobachten
  3. Schritt: Das erste Ritual - die Begrüßung 
  4. Schritt: Das zweite Ritual - irgendwohin gehen 
  5. Schritt: Pferdisch an der Hand
  6. Schritt: Die Fellpflege - Verbundenheit finden 
  7. Schritt: Die fünf Stufen der Intensität
  8. Schritt: Verwundbarkeit und Verteidigung
  9. Schritt: Die anmutige Bewegung
  10. Schritt: Wer treibt wen auf welche Weise?
  11. Schritt: Gebt den Pferden Freiheit
  12. Schritt: Wir sind im Sattel - was jetzt?

Pferdisch: It´s all about Imitation

Das Konzept der Autorinnen beruht auf dem Spiegeln des Pferdes:

"Ahmen wir Pferdesprache nach, so imitieren wir, wie Pferde untereinander visuell kommunizieren." (S. 23)

Die Sache mit der Imitation nehmen die Autorinnen sehr ernst. Das fängt bei der Atmung an. So empfehlen Sie etwa bei der Begrüßung, dem Pferd drei schnaubende Atemzüge aus der Ferne entgegen zu prusten (Begrüßungsatem, S. 29), drei Mal schnuppernd einzuatmen, um unser Interesse am Pferd zu bekunden (der interessierte Atmen, S. 29) oder die Atemwege frei zu atmen, was sich wie das "weiche Grunzen eines Schweins" anhören soll (der nährende Atem, S. 29).

Dieses Prinzip wird konsequent vollzogen, indem sie z.B. fordern, bei der Annäherung in den persönlichen Raum des Pferdes  mit dem Fuß zu scharren und auf den Boden zu schauen (Upsie, S. 39).

Grundsätzlich sollen wir also unser Pferd spiegeln: Leckt und kaut es, sollen wir so tun, als kauten wir Kaugummi (z.B. S. 46). Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, aber ich denke, Du verstehst, um was es geht:

Wir ahmen das Pferd nach, begeben uns sozusagen in seinen Sprachbereich.

Die Autorinnen haben für einzelne Rituale Punkteplane aufgezeichnet, in denen genau beschrieben wird, was zu tun ist: Von der ersten Berührung mit den Fingerknöcheln, bis hin zu Atmung, Gewichtsverlagerungen und Bewegungen. Dafür haben Sie sogar eine "Landkarte" entwickelt: Die dreizehn Buttons der Pferdesprache, also Punkte bzw. Regionen am Pferdekörper, die je nach Dialog angesprochen werden sollen.

So soll letztlich der gesamte Umgang mit dem Pferd ablaufen: Von der Bodenarbeit bis hin zum Reiten. 

Das hat mir besonders gut gefallen

Sharon Wilsie und Gretchen Vogel haben einige Ansätze, die mir gut gefallen. Der Wichtigste: BEOBACHTE DEIN PFERD GENAU!

"Ihr Pferd zu beobachten ist eine Botschaft der Annäherung." (S. 17)

So finden sich auch einige  ausführliche Erläuterungen zur Mimik des Pferdes und was sie bedeuten kann. Die Grundannahme, dass unsere Pferde grundsätzlich kooperativ mit uns umgehen wollen, unterstreiche ich. Und auch, dass "Unarten" zumeist auf Kommunikationsproblemen beruhen:

"Beobachten wir unser Pferd nicht regelmäßig und aufmerksam, muss es seine Freude, Angst, Verwirrung, Schmerzen und Gedanken mit großen Gesten mitteilen und Zuflucht zum Pferde-Pendant von Geschrei und Gebrüll nehmen, Einige dieser großen Gesten werden dann aus unserem Unverständnis heraus Untugenden genannt, weil wir nicht wissen, warum das Pferd sich so benimmt." (S. 19)

Shetlandpony Pferdemimik Pferdegesicht
Lilly-Lou. Mag Leckerlis. Immer. Egal, was ihre Mimik sagt.

INFO

Das super coole Knoti, das Lilly-Lou trägt gibt´s übrigens bei *Petra in der Pferdeflüsterei! Einen ausführlichen Bericht zu den Knotenhalftern und Ropes und Erklärungen, für was sie gut sind, findest Du im Beitrag Ein Königreich für ein Knoti! Und die Knotenhalfter gibt es bei Petra mittlerweile sogar in Größe Minishetty! Wenn das nicht shettylicious ist...


Sehr plastisch dargestellt finde ich die Erklärungen zur "Blase des persönlichen Raums": wir gehen oft ganz selbstverständlich davon aus, dass unser Pferd gerne von uns "geknuddelt" wird. Dass dem nicht immer so ist, wird spätestens dann klar, wenn sich das Pferd wegdreht oder gar die Flucht vor allzu kuscheligen Pferdemuttis ergreift. Insofern finde ich den Gedanken, genau auf den Körper des Pferdes zu achten, wenn wir uns annähern, richtig und bereichernd. 

Was hat mir gefehlt?

Meine Lesetipps beinhalten immer ein "Was hat mir gefehlt?". Diese Kategorie passt diesmal nicht so recht. Denn ich halte die Methode von Sharon Wilsie und Gretchen Vogel für fragwürdig. Dazu möchte ich ein paar Gedanken für Dich festhalten:

Mit gehen die Annahmen der Autorinnen einfach zu weit und sie widersprechen meiner Auffassung des Lernverhaltens von Pferden. Mir fehlen wissenschaftliche Begründungen zu Aussagen wie:

"Lernen Sie ihre Sprache, so fördert das Ihr Verständnis des Ehrenkodexes zwischen Pferden. [...] Wenn wir die Würde des Pferdes bewahren, seine Moralvorstellungen übernehmen, dann fördern wir gegenseitigen Respekt und alle gewinnen." (S.9)

Dass Pferde in einem Sozialverband leben und agieren ist klar. Davon auszugehen, dass Sie einen Ehrenkodex und Moralvorstellungen im menschlichen Sinne haben? Dafür fehlt mir ein nachvollziehbarer Beweis. Denkt man diese Aussage konsequent zu Ende, würde das bedeuten, dass Pferde auf Grund von Werturteilen handeln. Geht es also um´s Futter, entscheidet Lilly-Lou nicht mehr auf Grund ihrer Instinkte, dass sie zuerst zum Heu darf, sondern auf Grund ihrer Wertvorstellung, dass sie das Futter mehr verdient hat als Rony-Pony? Das kann ich doch nicht so ganz glauben. Ressourcenkontrolle hat meines Erachtens nichts mit pferdischen Wertvorgaben zu tun, sondern mit Instinkten, Evolution, Verhaltensmustern. 

Ich gehe davon aus, dass ein Pferd weiß, dass ich ein Mensch bin - und eben kein Pferd. Das Pferd in dieser konsequenten Art zu spiegeln, wie es die Autorinnen tun, halte ich deshalb für nicht schlüssig. Die Annahme, dass wir z.B. mit dem Fuß scharren sollen, setzt voraus, dass mein Pferd überhaupt intellektuell erfassen kann, dass ein Bein ein Bein ist und dass dieses Bein die selbe Funktion beim Scharren erfüllen soll, wie beim Pferd. Du verstehst was ich meine? Die Autorinnen setzen voraus, dass unser Pferd erfasst hat, dass wir uns wie ein Pferd verhalten wollen. Das halte ich für schwierig - weil wir schon gar nicht die gleichen körperlichen Voraussetzungen erfüllen. Auch wenn ich hartnäckig versuche, mit meinen Ohren zu wackeln - es funktioniert leider nicht. 

Mein Maximum an Imitation...
Mein Maximum an Imitation...

Ja, unsere Körpersprache hat Einfluss auf das Verhalten des Pferdes. Ich glaube aber nicht, dass es diesen Einfluss gibt, weil das Pferd denkt, wir seien auch ein Pferd oder unsere Körpersprache als "pferdisch" anerkennt. 

Den Verdienst um die Bemühungen, auf die Notwendigkeit der Beobachtung und das Erfordernis eines Dialoges zu verweisen, erkenne ich an. Mit allem anderen kann ich mich nicht identifizieren: Ich möchte mein Pferd nicht anprusten und ich möchte auch nicht für "Upsie" mit dem Fuß scharren. Weil ich es erstens als unnötig erachte und mir zweitens so richtig dämlich dabei vorkommen würde. Und ich habe da eigentlich eine ziemlich niedrige Schmerzgrenze, wenn es darum geht, mich zum Horst zu machen. 


INFO

Angst Stress Unsicherheit beim Pferd

Die Beobachtung und Deutung der Körpersprache ist essentiell und spielt auch in einem anderen Buch eine Rolle, das ich Dir auf ganzer Linie empfehlen und an´s Herz legen kann:

Angst, Stress und Unsicherheit beim Pferd.

Hier findest Du meine ausführliche Rezension dazu.


Abgesehen von meinen inhaltlichen Bedenken, habe ich ein Problem mit den Fotos. Und das aus mehreren Gründen.

Zwar bin ich nun wahrlich kein Fan von gephotoshopten Walle-Walle-Kleid-mit Halsring über´s Stoppelfeld-Fotos. Authentizität finde ich gut! Die Realität im Pferdestall besteht nun einmal nicht aus strahlend weißen Reithosen und hell leuchtenden Pferden, die sich niemals dreckig machen. So weit, so gut. 

Aber von einer Verlagspublikation erwarte ich doch etwas anderes als Schnappschüsse. Und genau so wirken die Fotos: wie nebenbei geknipst. Das wäre vielleicht noch gar nicht so schlimm, wäre die Qualität nicht schlecht bis zuweilen miserabel. Die Fotos sind zu einem nicht unerheblichen Teil verwackelt und unscharf (meistens dann, wenn Pferde in Bewegung zu sehen sind, z.B. den Kopf schütteln ) oder schlecht beleuchtet (oft dann, wenn Schimmel "Vati" zu sehen ist). Man mag mir nun vorwerfen, dass es schließlich um den Inhalt und nicht um die Ästhetik geht. Hierauf sei erwidert: Richtig. ABER: Ein Buch, das mir beibringen will, die Körpersprache eines Pferdes zu deuten, sollte doch bitteschön Fotos enthalten, auf denen ich auch etwas erkennen und nicht nur erahnen kann - weil alles unscharf oder ungeeignet beleuchtet ist. 

Was die Sache aus meiner Sicht nicht besser macht ist die Tatsache, dass die Pferde meistens auf ungepflegt wirkenden Weiden (oder vielleicht auch Matschpaddocks, so genau kann ich das nicht sagen) abgelichtet wurden. Versteh` mich nicht falsch: ein Pferd muss nicht im Meister-Propper-Stall stehen. Für ein Buch-Shooting halte ich es jedoch für geboten, wenigstens das übelste Unkraut zu zupfen. Das ist nun wirklich ein rein ästhetisches Argument, aber trotzdem: Die Fotos wirken in keinerlei Weise ansprechend auf mich. Schließlich schlägt das Werk mit 29,99 € zu Buche - ich persönlich erwarte bei diesem Preis durchaus, dass mich das Werk nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch anspricht. Und weil die Fotos oft verwackelt und unter- bzw. überbelichtet sind, kann ich zudem nur erahnen, was mir die Autorinnen auf ihnen zeigen wollen. 

Sehr schön gezeichnet sind hingegen die 25 Illustrationen - hier wird sehr deutlich klar, um was es den Autorinnen geht.

Mein Fazit

Dieses Buch ist leider so gar nichts für mich. Weder inhaltlich noch optisch. Einigen Grundgedanken kann ich mich anschließen (Beobachten ist wichtig, auf den Ausdruck achten, achtsam sein). Mein Pferd möchte ich aber nicht auf die beschriebene Weise imitieren. Es war dennoch interessant, das Buch zu lesen: Auch wenn ich mit den Autorinnen nicht konform gehe, sollte man sich mit anderen Ansichten auseinander setzen.

Deshalb lautet mein Fazit: 

Wer sich genauer mit der Mimik des Pferdes beschäftigen möchte, findet sicherlich den ein oder anderen guten Hinweis im Buch. Ansonsten stimmt das, was bereits zu Anfang zitiert wurde: Dieses Buch handelt von Verwandlung. Denn die Methode der Imitation ist sicherlich eine ganz andere, als die gängigen Methoden im Pferdetraining. Insofern ist die Methode durchaus "bahnbrechend". Ob sie hingegen zielführend ist? Das wage ich zu bezweifeln.

 

In diesem Sinne

Be shettylicious! Ruth vom Team Shetty-Sport.


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Kommentare: 2
  • #1

    Auenländerin (Mittwoch, 10 Januar 2018 08:35)

    Hm, vorallem wird wohl auch davon ausgegangen, dass sich alle Pferde gleich verhalten und das kann ich bei meiner Dreier-Bande überhaupt nicht bestätigen. Unsere Memory hat noch nie gescharrt zur Begrüßung, Pina stapft gerne auf und schüttelt den Kopf und Parcival macht es mal so und mal so.
    Ich glaube nicht, dass sie mich für ein Pferd halten und ich will auch keines sein. Schließlich wohne ich nicht bei ihnen auf dem Paddock, esse kein Heu, bewege mich nicht auf allen Vieren und bin auch sonst eher pferdeuntypisch rein optisch.
    Seine Pferde immer wieder genau beobachten, achtsam sein und genau hinfühlen was gerade los ist, das finde dagegen wichtige Punkte. Ich merke immer wieder wie wichtig das ist und trotzdem vergesse ich es manchmal.
    Liebe Grüße
    Auenländerin

  • #2

    Team Shetty-Sport (Mittwoch, 10 Januar 2018 08:59)

    Liebe Auenländern,

    ja - ich sehe das ganz ähnlich. Vor allem hinkt der Vergleich mit dem Scharren: Denn eigentlich müssten wir ja mit den Armen scharren - das Pferd scharrt schließlich mit dem Vorderbein ;-)
    Die Autorinnen gehen davon aus, dass jedes Pferd die selbe Sprache spricht, also sich immer genau gleich verhält, um gewisse "Worte" auszudrücken. Das halte ich für nicht ganz stimmig - ich glaube eher, dass es so etwas (wenn man im Vokabular der Sprache bleiben will) wie Dialekte gibt. Und es gibt sicherlich auch Pferde, die auf Grund einer z.B. unzureichenden Sozialisierung nicht typisch "pferdisch" sprechen. Wenn ich unsere Pferde beobachte, kann ich zwar durchaus ähnlich aber eben nicht identische Ausdrucksmuster sehen. Insofern finde ich die Thematik Pferdesprache super spannend - halte den Grundansatz der Autorinnen aber für nicht zielführend.

    Viele liebe Grüße
    Ruth vom Team Shetty-Sport