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Lesetipp: Tellington Training für Pferde

Kennst Du Tellington Training für Pferde? Mich hat besonders interessiert, was hinter den TTouches und den bunten Körperbändern für Pferde steckt. Deshalb habe ich für Dich "Linda Tellington Jones mit Bobbie-Lieberman: Tellington Training für Pferde - Das große Lehr und Praxisbuch" probegelesen.

Tellingtontraining für Pferde

Ob es sich zu lesen lohnt? Das erfährst Du jetzt:

Worum geht´s?

Auf 336 Seiten erklärt Dir Linda Tellington-Jones zusammen mit Bobbie Lieberman das Konzept des Tellington Trainings für Pferde. Das Tellington Training besteht aus drei Grundpfeilern: den Tellington TTouches, Übungen zur Bodenarbeit und Reitübungen. Laut den Autorinnen

 "[...] erweitert und verbessert die Tellington-Methode auf geradezu dramatische Weise Lernfähigkeit und Kooperationsbereitschaft des Pferdes, steigert Gleichgewicht und Koordination bei Pferd und Reiter und vertieft die Bindung zwischen Mensch und Pferd" (S. 12).

Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2007, ISBN: 978-3440104163
Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2007, ISBN: 978-3440104163

Was steckt drin?

Das Buch besteht aus drei großen Kapiteln:

1. Kapitel: Die Tellington-Methode für Pferde - Basiswissen

Hier wird ein kurzer Abriss der Entwicklung der Tellington-Methode sowie Basiswissen zur Methode an sich und Pferdeverhalten vermittelt.

2. Kapitel: Verhalten, Training und Gesundheit - Probleme und Lösungen von A - Z 

Im zweiten Kapitel werden Probleme, die sich beim Verhalten, Training oder auch der Pferdegesundheit zeigen können, alphabetisch geordnet beschrieben und Lösungen vorgestellt.

3. Kapitel: Tellington Training für Pferde

Thema das dritten Kapitels sind alle Tellington-Techniken, also die TTouches, Bodenarbeit und Reiten in ihrer praktischen Anwendung.

Tellington TTouches: It´s all about ... Kreise!

Du weißt nicht, was TTouches sind? Das ist ganz kurz erklärt. Mit den Fingerkuppen oder auch der ganzen Hand - je nach TTouch - führt man kreisende Bewegungen  im Uhrzeigersinn aus:

"Der ´Eineinviertel-Kreis´ist das Markenzeichen und der Grundstein von TTouch. [...] Stellen Sie sich das Zifferblatt einer Uhr vor, beginnen Sie den Kreis unten bei 6 Uhr und schieben Sie die Haut [...] ein und ein Viertel Mal im Kreis". (S. 163)

Es gibt viele verschiedene TTouches. Neben den kreisförmigen kann man z.B. noch hebende und streichende TTouches ausführen.

Das Buch kategorisiert sie in vertrauensbildende, bewusstseinsfördernde, der Gesundheit dienende und solche die für ein Leistungsplus in 10 Minuten am Tag führen sollen. 

Alle TTouches haben ziemlich lustige Namen, da gibt es z.B. den Schimpansen-TTouch oder den Liegender-Leopard-TTouch, der natürlich nicht mit dem Wolken-Leopard-TTouch zu verwechseln ist! 

Am Anfang war ich etwas erschlagen von der Vielzahl der Möglichkeiten. Die Erklärungen sind aber sehr gut bebildert und Illustrationen sorgen dafür, dass man wunderbar verstehen kann, welcher Teil der Hand was tun muss.

Recht kurz - im Vergleich zum Umfang des Buches - wird auch auf das Körperseil und Körperband eingegangen (S. 179-182). Mit ebenfalls reichlicher Bebilderung werden Anwendungsbeispiele dargestellt. 


INFO

Linda Tellington-Jones arbeitet mit dem Körperseil bzw. Körperbändern. Die Körperbänder gibt es in verschiedenen Farben und Breiten (vier, acht und zehn Zentimeter). Du muss Dir aber nicht gleich extra Körperbänder kaufen - normale Bandagen tun es (für den Anfang) auch!

TTouch Körperbänder
Ich wollte es genau wissen und habe mir Tellington TTouch Körperbänder in den Breiten vier und acht Zentimeter gekauft. Sie fühlen sich etwas anders als Bandagen an.

Let´s dance - Darf ich bitten?!

Das Kapitel über die Tellington Bodenarbeit enthält zahlreiche Übungen. Besonders schön finde ich, dass die Übungen an der Hand als Tanz mit dem Pferd beschrieben werden. Denn das versinnbildlicht, wie Arbeit mit dem Pferd meines Erachtens aussehen sollte: Ein leichter Tanz, ohne Druck. So gibt es z.B. Ausführungen zum Cha-Cha mit dem Pferd. Neben den Übungen an der Hand gibt es noch zahlreiche Ideen für einen Lernparcours, der mit Stangen, Wippen, Folien, Tonnen & Co. aufwartet.

Die Übungen zum Reiten habe ich mehr überflogen als intensiv gelesen, da die Shettys nun mal keine Reitgröße für Erwachsene haben. Aber auch hier werden viele, viele Übungen reichlich bebildert erklärt.

TTouch Körperbänder Pferd
Lilly-Lou et moi. Sieht noch nicht nach Tanz aus. Aber: zumindest interessant.

Das hat mir besonders gut gefallen

Linda Tellington-Jones legt großen Wert darauf, dem Leser zu vermitteln, wie er Pferdesprache verstehen kann. Das ist toll! Denn das Ausdrucksverhalten unserer Pferde ist komplex, vielfältig und aussagekräftig! 

"Pferde beißen oder schlagen, weil sie mit ´Flüstern´nicht zu uns durchgedrungen sind. Sie sind lauter, damit wir sie hören. Wenn Sie lernen, auf das Flüstern zu hören, braucht Ihr Pferd niemals zu schreien."

(S. 30)

Dieses Konzept zieht sich durch die gesamte Methode und ihre Übungen. Linda Tellington-Jones ist stets bemüht, den Leser dazu aufzufordern, nachzufragen: WARUM zeigt mein Pferd dieses oder jenes Verhalten? Hat es vielleicht Schmerzen? Oder Angst? Sie räumt mit Irrtümern über Pferde auf (S. 30). Altbekannte Sätze wie "Steigen Sie nie vom Pferd, oder Sie haben verloren" können nach der Lektüre des Buches getrost im Schrank des Vergessens eingemottet werden. 

Ich empfinde es so, als würde es bei der Tellington-Methode viel um Erforschen gehen. Ob man nun einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen TTouches und Hirnstromwellen (S. 15 f.) anerkennen mag oder nicht, eines bleibt unbestritten: Mit den Tellington TTouches nimmt man sich die Zeit, den Körper seines Pferdes zu erkunden. Gibt es verhärtete Stellen? Fühlt sich die eine Seite anders an als die andere? Ist meinem Pferd die Berührung an einer Stelle besonders angenehm oder unangenehm? Ich bin überzeugt, dass dadurch der Blick auf den Pferdekörper verändert wird - man lernt, genauer hinzusehen, und achtsamer zu werden. Und man lernt auch, die Reaktionen seines Pferdes besser zu registrieren und zu deuten. 

Was ich an den Übungen zur Bodenarbeit mag, ist das Spiel mit verschiedenen Gegenständen. Ich bin ein großer Fan von Stangenarbeit und Co. Hier gibt es nochmals neue Denkanstöße, wie man z.B. Stangen anders legen oder Schrecktraining gestalten kann. 

Ich mag auch die Aufmachung des Buches. Es ist reich bebildet, ausführlich erklärt und Infokästen zu den einzelnen Übungen zeigen auf einen Blick, für was sie geeignet sind und für welchen (Problem-Fall) sie Hilfestellung bieten. Immer wieder findet man auch Kästen zu "Geschichte einer Wandlung". Hier sind persönliche Erfahrungsberichte nachzulesen, die das Training wiederum plastischer erscheinen lassen. 

Linda Tellington-Jones macht zudem immer wieder klar: Es ist einfach, Du kannst es lernen! Diese Einstellung mag ich sehr. Viel zu oft wird im Pferdetraining so getan, als wäre wirklich gutes Training nur ganz speziellen Personen vorbehalten, die das "Pferdeflüster-Gen" haben. Das ist Quatsch. Training kann man lernen. (Dazu empfehle ich Dir meinen Bericht zum Chicken Camp!) . Vor allem aber kann man mit Linda Tellington-Jones lernen, mehr auf die Signale des Pferdes zu achten und sein Ausdrucksverhalten richtig zu interpretieren. 

Außerdem wird der Leser aufgefordert, kreativ zu sein. Auch das finde ich prima: Wenn es um Individualität von Mensch und Pferd geht, MUSS es konsequenterweise Raum für Kreativität geben. 

TTouch Körperbänder Pferd
Kreativ haben wir die Tellington TTouch Körperbänder in jedem Fall! Und schön bunt sieht es auch aus. Was sich Shetty Lilly-Lou wohl dabei denkt?

Was hat mir gefehlt?

Ich finde die Übersetzung aus dem Englischen in´s Deutsche streckenweise etwas anstrengend. Es liest sich leider an der ein oder anderen Stelle ziemlich holprig, weil wohl versucht wurde, sich zu eng an die Englische Originalversion zu halten. Das schmälert das Lesevergnügen.

Im ersten Kapitel wird immer wieder auf die wissenschaftliche Bestätigung insbesondere der TTouches verwiesen. Genannt werden z.B. Studien zum Hirnstromwellenmuster während der Arbeit mit dem TTouch (S. 15 f.). Bedauerlich ist, dass die Studien zwar als solche genannt werden, aber keine Fundstelle dazu. Nun erhebt das Buch sicherlich nicht den Anspruch, eine wissenschaftliche Abhandlung zu sein. Dennoch finde ich: Wenn schon auf wissenschaftliche Forschung verwiesen wird, dann doch bitte korrekt, d.h. mit Quellennachweis. 

Ich bin ein absoluter Tellington-Neuling. Gehört hatte ich natürlich schon von TTouches & Co., richtig auseinandergesetzt habe ich mich aber erst bei und nach der Lektüre des Buches. Für "alte Tellington-Hasen" ist die Kapitelaufteilung sicher prima, weil das zweite Kapitel die Funktion eines Nachschlagewerkes einnimmt. Mein Pferd hat Gurtzwang? Einfach kurz unter "G" nachgeblättert und schon bekomme ich einen Tellington-Lösungsvorschlag. Für mich als Einsteiger ist die Aufteilung aber nicht ganz schlüssig. Denn wenn ich das Buch lese, fehlt mir beim Nachschlageteil ja noch das fundierte Wissen zur praktischen Anwendung, die erst in Kapitel drei beschrieben wird. Ich persönlich hätte es sinnvoller gefunden, die Reihenfolge von Kapitel zwei und drei zu tauschen. So musste ich oft hin- und herblättern, wenn im A-Z-Teil etwas genannt wurde, was mir noch nicht so ganz klar war. 

TTouch Balance Pads Pferd
Wir haben ein wenig getestet und experimentiert - hier mit Körperband und Balance Pads. Wegen der Experimentierphase wäre eine andere Buchaufteilung für uns sinnvoller gewesen.

Was mir wirklich Probleme bereitet, ist das Equipment - zumindest Teile davon. Sie sind auf fast allen Fotos zu sehen - die Führkette oder die sogenannte Lama-Leine. Kette bzw. Leine (ein Strick) werden über den Nasenrücken des Pferdes oder seitlich am Pferdekopf geführt und am Stallhalfter befestigt. Mit leichtem Druck soll das Pferd z.B. animiert werden, den Kopf zu senken.

Beim Seil frage ich mich: Wieso denn dann nicht gleich ein Knotenhalfter? Wobei auch hier ganz deutlich gesagt werden muss: Ein Knoti kann durchaus ein sehr "scharfes" Trainingstool sein. Hier geht es übrigens zu unserem shettylicious Knoti-Test, bei dem Du mehr über Sinn und Zweck von Knotenhalftern erfährst.

Bei der Führkette muss ich eindeutig sagen: Ich möchte meinem Pferd definitiv keine Kette über den Nasenrücken oder sonst wo anlegen. Die Autorinnen schreiben dazu:

"Eine Führkette kann ein brutales Werkzeug sein, wenn sie falsch gehandhabt wird. Sie ist ein wunderbares Hilfsmittel, wenn sie mit Bedacht in Verbindung mit der weißen Gerte gebraucht wird." (S. 175)

Für mich ist eine Führkette in keinem Fall ein "wunderbares Hilfsmittel". Denn so eine Führkette bereitet dem Pferd ordentliche Schmerzen, insbesondere auf dem Nasenrücken - schließlich ist hier wenig Muskel- oder Fettgewebe. Auch ein "sanfter" Ruck an der Kette muss ziemlich unangenehm für´s Pferd sein! 

Für mich passt diese Empfehlung so überhaupt nicht in das ansonsten sehr auf die Bedürfnisse des Pferdes ausgerichtete Methode. 

Mein Fazit

Trotz meiner Kritikpunkte kann ich das Buch wärmstens empfehlen! Denn es macht aufmerksam. Aufmerksam für das eigene Pferd, sein Verhalten und die möglichen Gründe für dieses (Problem-)Verhalten. Gerade die Tellington TTouches begeistern mich dafür, achtsamer mit dem Pferdekörper umzugehen, genauer hinzusehen, Veränderungen schneller wahrzunehmen. Und schon allein dafür lohnt sich das Lesen in jedem Fall!

Wir werden also weiter mit TTouches und Körperbändern experimentieren. Im nächsten Blogbeitrag verrate ich Dir, wie unsere Praxiserfahrungen aussehen. 

Du kannst das Buch z.B. bei *Amazon kaufen:

 

In diesem Sinne

Be shettylicious! Ruth vom Team Shetty-Sport.